Wer gerne erheiternde Bücher liest, die trotzdem Inhalt vermitteln, der sollte „Annas Odyssee“ lesen. Es handelt von einer griechischen, oder genauer zypriotischen Einwandererfamilie, die in Nottingham lebt und dort, wie soll es anders sein, einen Imbiss betreibt. Die Rollenverteilung der Familie ist klassisch: der Vater ist das Oberhaupt, zumindest lässt seine Frau ihn in dem Glauben, denn in Wirklichkeit, hat natürlich sie das Zepter in der Hand.
Der Sohn der Familie hat alle Freiheiten und die Tochter sollte schnellst möglich unter die Haube, denn Frauen und Bildung, das ist wie Wasser und Öl. Dazu gibt es noch, wir reden schließlich von einer griechischen Familie, eine Yiaya (Oma) und einige Tanten und Onkels und deren Kinder.
Anna, von deren Odyssee hier die Rede ist, denkt nicht daran, sich den Vorstellungen ihrer Mutter zu unterwerfen. Sie will studieren und sich ihren Partner gefälligst selbst aussuchen. Die einzige aus der Familie, die sie versteht ist ihre Großmutter. Mit ihr verbringt Anna viel Zeit, lässt sich in die Geheimnisse des Kaffeesatzlesens einweisen und fühlt sich wohl, mit all den Ritualen und dem Aberglauben, den ihre Yiaya aus Zypern mitgebracht hat.
Besonders gefällt mir die Beobachtungsgabe der Autorin und die Beschreibung der Charaktere sowie deren Dia- oder wie bei Griechen üblich Monologe. Im Imbiss gibt es häufig Stress mit einigen Kunden und Annas Mutter, die nur rudimentäre Englischkenntnisse ihr eigen nennt, flucht stets wie ein Berserker, was sie mir ungemein sympathisch macht. Da Griechen im Regelfall etwas lauter sind, gibt es natürlich auch Streit mit den Nachbarn, die sich über Lärm und alles andere beschweren, was Annas Familie so macht.
Auch sehr schön sind die vereinzelten Rezepte, die am Anfang einiger Kapitel zu finden sind. Essen ist immer ein Thema bei Griechen und deswegen dürfen auch literarische Ausführungen darüber nicht fehlen. Eine Stelle im Buch möchte ich als Appetithäppchen gern wiedergeben. Einen Tag vor dem Dreikönigsfest bereitet Annas Oma Logmathes zu.
“…Niemand darf sie essen, bis Yiaya eine Schale davon nach draußen gebracht und versucht hat, sie aufs Dach zu werfen, wo boshafte Geister namens Kaliganziari angeblich darauf warten, ihren Hunger zu stillen und weiterzuziehen. Yiaya hat nicht die Kraft, die Teigbällchen viel höher zu werfen als bis zum Fensterbrett von Tinas Schlafzimmer, daher hilft ihr Andy mit einem improvisierten Katapult aus. Es bereitet ihm großes Vergnügen, das Dach mit Logmathes zu übersäen, während Mrs. P. wutschnaubend hinter ihren Netzgardinen steht. Wenn sie mit unserem Dach fertig ist, wirft Yiaya jedes Mal eine gute Hand voll von den Bällchen über den Gartenzaun, um auch das Nachbargrundstück von Dämonen zu befreien, eine gute Tat, die einzig dazu führt, die Bewohner von Nummer sechsundsechzig zu dämonisieren und zu mehreren Seiten giftiger Prosa hinzureißen…” (Zitat aus „Annas Odyssee“ von Eve Makis, vollst. Taschenbuchausgabe 1. Auflage: Oktober 2005, S.264.)
Lena
Annas Odyssee (Taschenbuch)
von Eve Makis (Autor), Michaela Link (Übersetzer)
Taschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe; Auflage: 1. (2005)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3404153893
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